HABANA CIGARS

Das Wort »Terroir«, ursprünglich aus dem Sprachgebrauch der französischen Winzer stammend, ist seit geraumer Zeit auch fester Bestandteil des Vokabulars der Tabakbauern. Schließlich ist Tabak eine ebenso edle Pflanze wie die Weinrebe und der Tabakanbau nicht weniger kompliziert und aufwendig wie der Weinanbau. Die meisten modernen Quellen definieren »Terroir« als die Gesamtheit der natürlichen und klimatischen Bedingungen einer bestimmten Region. Theoretisch stimmt das alles. In der Praxis trifft diese Definition jedoch eher auf den Terminus »Mikroklima« zu. Fachkundige behaupten wiederum, »Terroir« sei ein bedeutend komplexeres Phänomen, das eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren einschließt. Unser Experte bei solchen Fragekomplexen, der Generalvertreter von ›Habanos S.A.‹ in Rußland, Willy Alvero, ist uns dabei behilflich, die kubanischen Tabakterroirs zu erkunden.

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Das Terroir bestimmt, wie der Tabak ausfallen wird – und somit die daraus entstehende Cigarre sowie deren Geschmack, Farbe und Aroma. Jedes Terroir ist einzigartig, und genau deshalb sind Cigarren aus unterschiedlichen Regionen verschieden. Es ist kein Geheimnis, daß der Tabak, der auf Kuba angebaut wird, zum absolut Besten gehört, was auf dieser Welt zu bekommen ist, und daß der kubanische Tabak eine herausragende Stellung innerhalb der Familie der Cigarrentabake einnimmt. Ein wirkliches Terroir setze sich, so die Kubaner, aus vier Komponenten zusammen: Erde, Klima, Tabaksorte und Mensch. Erde sind Boden und Hydrologie, während Wind, Sonne und Niederschlag sowie Temperatur und Luftfeuchtigkeit das Klima ausmachen. Die Gesamtheit dieser Faktoren bildet die Grundlage des Terroirs, und der Tabak sollte hierzu ideal passen.

Qualität und Eigenschaften einer Cigarre hängen davon ab, wie die jeweilige Tabaksorte auf Erde und Klima reagiert. Daher ist es unmöglich, den Tabak losgelöst vom Terroir zu betrachten. Die Erträge von ein und derselben Tabaksorte, gezogen in verschiedenen Böden, können somit zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Die Rolle des Menschen in diesem komplexen System ist offensichtlich: Er verbindet nicht nur alle Systemelemente miteinander und läßt sie arbeiten, sondern beeinflußt, falls nötig, auch Boden, Klima und Pflanzenwachstum. Tabakanbau ist ein aufwendiger und zugleich schwieriger Prozeß, dessen komplexe Parameter von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, alles zu tun, was in seinen Kräften steht, damit Boden, Klima und Tabak ihre Eigenschaften voll entfalten können.
Es ist praktisch unmöglich, übereinstimmend gute Bedingungen für verschiedene Terroirs in unterschiedlichen Regionen anzutreffen, auch nicht zu erzeugen. Die einzelnen Komponenten, die hierzu notwendig wären, erscheinen zu diffizil. Selbst auf Kuba mit seinen fünf Tabakanbauregionen ist nur eine wirklich großartig: die Vuelta Abajo, im westlichen Teil der Insel gelegen. Diese Region ist häufig gemeint, wenn von kubanischen Tabakterroirs die Rede ist.

Die Erde

Es mag seltsam klingen, aber ein gutes Terroir ist keineswegs gleichzusetzen mit idealen biologischen Bedingungen. Gibt man dem Tabak alle lebensnotwendigen Dinge wie Wasser, Sonne und Dünger, wird er sich mehr als wohl fühlen – seine organoleptischen Eigenschaften werden jedoch nur mittelmäßig sein, also jene Besonderheiten wie Aussehen, Farbe, Geruch, Geschmack, die ausschließlich einer Prüfung durch die Sinne unterzogen werden. Entgegen allen Gesetzen der Logik ergeben jene Pflanzen den besten und aromatischsten Tabak, die buchstäblich dazu gezwungen sind, ums Überleben zu kämpfen.Das Geheimnis: Die Pflanze nutzt jegliches Übermaß an Feuchtigkeit und Nährstoffen für ihr Wachstum und ihre Entwicklung. Eine Tabakpflanze, die »hungern« muß, entwickelt sich nicht so »aktiv«. Die mit Mühe errungenen Mineralien und Nutzstoffe speichert sie in ihren Blättern und verwendet sie für die Aufrechterhaltung der normalen Lebensfunktionen, nicht aber für das Wachstum.
Diese biologischen Wachstumsreserven verwandeln sich nach der Fermentation und der Lagerung in komplexe aromatische Verbindungen, die der Cigarre später ihre hervorragenden organoleptischen Eigenschaften verleihen.

In der Region Vuelta Abajo sind alle Tabakbetriebe in Familienbesitz. Von alters her geben die Plantagenbesitzer ihr Wissen von Generation zu Generation weiter, pflegen die teure Erde behutsam und lassen den Böden nach jeder Ernte Zeit, sich zu regenerieren

Die Böden der Region Vuelta Abajo sind, so die allgemeine Auffassung, ideal für den Tabakanbau. Weil die örtlichen Tabakbauern der Überzeugung anhängen, daß keinerlei Chemikalien die natürlichen Reichtümer ersetzen können, verwenden sie keinen chemischen Dünger und versuchen sogar, ihre Plantagen nicht zu besprengen. Ihre Hauptaufgabe sehen sie vordergründig darin, alles dafür zu tun, daß der Tabak aus eigenen Kräften das Maximum dessen bekommt, was ihm die Erde bieten kann.

Die Wurzeln einer ausgewachsenen Tabakpflanze erreichen eine Länge von mehr als einem Meter. In der Regel ranken sie sich entlang der Erdoberfläche. Das reicht den genügsamen Pflanzenwurzeln durchaus, denn die in der oberen Bodenschicht enthaltenen Nährstoffe sind vollkommen ausreichend zur Aufrechterhaltung der normalen Lebensfunktionen. Damit der Tabak jedoch schmackhaft und auch aromatisch wird, sind bedeutend mehr unterschiedliche chemische Komponenten vonnöten. In der Region Vuelta Abajo gibt es zahlreiche dieser Komponenten – allerdings verstecken sie sich in einer Tiefe von etwa zwanzig Zentimetern bis zu anderthalb Metern unterhalb der Erdoberfläche.

Damit die Wurzeln nach unten wachsen, statt an der Erdoberfläche nach »Nahrung« zu suchen, gießen die kubanischen Tabakbauern ihre Plantagen fast nie. Bei Regenmangel sind die Pflanzen somit gezwungen, nach alternativen Feuchtigkeitsquellen zu suchen, die sie dann auch tiefer im Boden finden: Die Vuelta Abajo ist von zahlreichen unterirdischen Bächen durchzogen – eines der Hauptgeheimnisse dieses legendären Terroirs. Die Pflanzenwurzeln »spüren« förmlich das Wasser und wachsen in seine Richtung. Auf dem Weg dahin durchqueren sie vier absolut unterschiedliche Bodenschichten, die jeweils ihren eigenen Beitrag zur Organoleptik des kubanischen Tabaks leisten.
Der Boden in der Region Vuelta Abajo ist porös und leicht. Daher haben es die Tabakwurzeln nicht schwer, die Erdmassen zu durchdringen. Wichtig dabei: Eine solche Struktur sorgt für eine natürliche Drainage, die es der Feuchtigkeit aus der Atmosphäre und den Verdunstungen aus den unterirdischen Strömungen ermöglicht, innerhalb des Bodens nahezu frei zu zirkulieren. Zusammen mit einem idealen ph-Wert zwischen 5,5 und 6,5 sind das optimale Bedingungen für das Wurzelwachstum. Diese Bedingungen gestatten es den Wurzeln, die maximale Menge an Mineralien, Nährstoffen und Spurenelementen aufzunehmen.
Die oberste Bodenschicht in der Region Vuelta Abajo besteht aus Sandstein, ferner aus Humus und organischen Verbindungen, schließlich aus Überresten toter Pflanzen und abgestorbener kleiner Wurzeln. Diese Schicht (ca. achtzehn Zentimeter) ist zwar dünn, jedoch fruchtbar genug, um die jungen Pflanzen ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Die nächste, etwa zwanzig Zentimeter dicke Schicht besteht aus reinem gelben Sand. Er enthält eine große Menge an Eisen und Aluminium. Eisen spielt eine wichtige Rolle bei der Photosynthese und wird von den Pflanzen zur Bildung von Chlorophyll benötigt.
Die beiden oberen Bodenschichten sind reich an stickstoffhaltigen Substanzen. Sie sind direkt für den Nikotin- und Teergehalt sowie für Geschmack und Aroma verantwortlich. Allerdings sind sie nicht zu reich an Stickstoff, denn ein Zuviel dieser Substanz kann sich negativ auf den Tabak auswirken, vor allem seine Brenneigenschaften verschlechtern. So enthalten die Ligero-Blätter vom oberen Teil der Pflanze, die bekanntermaßen sehr kräftig im Geschmack sind, erheblich mehr Stickstoffreserven als Seco-Blätter vom mittleren und Volado-Blätter vom unteren Teil der Pflanze, brennen jedoch bedeutend schlechter als die beiden letztgenannten Blattarten – eben weil sich in der Corona, dem oberen Teil der Pflanze, die größten Stickstoffreserven befinden.
Die dritte und unfangreichste Bodenschicht in der Region Vuelta Abajo besteht aus Ton und Sand bzw. aus Lehm. Sie kann eine Tiefe von bis zu achtzig Zentimetern haben. Poröse Lehmböden sind reich an verschiedenen organischen Verbindungen, ferner an Mineralien und Spurenelementen wie Kalium und Phosphor. Kaliumoxid ist unabdingbar für die Elastizität des Tabaks und seine guten Brenneigenschaften, ist außerdem, ähnlich wie Stickstoff, eine Komponente vieler aromatischer Verbindungen. Phosphoroxid wiederum spielt eine wichtige Rolle beim Metabolismus der Tabakpflanze und hat Einfluß darauf, wie sie die übrigen Nährstoffe aufnehmen kann.
In einer Tiefe von mehr als einem Meter macht der Sand weichem Tonboden Platz. Diese Schicht ist relativ dünn; in der Regel nicht mehr als fünfundzwanzig Zentimeter. Ton ist ein sehr fruchtbares Medium; er enthält eine große Anzahl unterschiedlicher chemischer Elemente und Verbindungen. Im Ton sind nahezu alle Stoffe enthalten, welche für die Ernährung, das Wachstum und die Entwicklung des Tabaks nötig sind.
Nachdem die Tabakwurzeln alle Bodenschichten durchdrungen und die maximale Anzahl von Nährstoffen aufgenommen haben, erreichen sie endlich ihr sehnlichstes Ziel: den Kalksteinkarst aus dem Jura-Erdzeitalter. Als Ergebnis des Schmelzens der Gletscher auf den Gipfeln der Cordillera de los Órganos bilden sich Bäche, welche die Hänge hinunter-, dann unter der Erde weiterfließen, in Flüsse münden und sich schlußendlich in den Ozean ergießen. Bemerkenswert ist, daß diese Strömungen bei weitem nicht alle Plantagen mit ihrem unterirdischen Naß »beglücken«. Diese Gegebenheiten seien, wie Experten behaupten, übrigens auch der Grund, daß zwei nebeneinander gelegene Plantagen Tabak von vollkommen unterschiedlicher Qualität hervorbringen können. Es muß aber erwähnt werden, daß der Grund für diesen auffallenden Unterschied nicht nur die unterirdischen Strömungen sind, sondern auch solche geographischen und klimatischen Faktoren wie die Dicke der fruchtbaren Schicht, die Proportionen des Anteils an verschiedenen Stoffen im Boden, die Beschaffenheit der Landschaft oder die Nähe der Plantage zum Meer.
Wissend um die Unterschiede der einzelnen Erdparzellen, haben die Kubaner bereits jeden Quadratzentimeter des Territoriums der Region Vuelta Abajo studiert und bearbeitet. Das Ergebnis: Nur ein Viertel aller Plantagen wurde in die erste Kategorie eingestuft. Der Großteil dieser Vegas finas de primera konzentriert sich um die Städte Pinar del Río, San Luis und San Juan y Martínez. Sie zusammen bilden das »goldene« Dreieck des kubanischen Tabakanbaus.

Das Klima

In allen mittelamerikanischen Ländern, in denen Tabak angebaut wird, herrscht in etwa dasselbe gemäßigt-tropische Klima. Schließlich liegt ein jedes am Äquator. Das kubanische Klima bildet da keine Ausnahme. Es ist heiß und humid, sehr mild aufgrund warmer Ozeanströmungen, welche die Inselufer umspülen. Im übrigen ist es jedoch unüblich, im Zusammenhang von Klima und Terroir derartig weitläufige Definitionen abzugeben, denn selbst die kleinsten Details sind hier – im Gegensatz zur Jahresdurchschnittstemperatur, zur Anzahl der Niederschläge und zu den Sonnentagen – von nicht unwesentlicher Bedeutung.
Im großen und ganzen haben die klimatischen Bedingungen weniger Einfluß auf den Tabak als beispielsweise auf Weintrauben. Genau aus diesem Grund ist die Qualität eines Weins von Ernte zu Ernte so unterschiedlich, wohingegen die des Tabaks relativ stabil bleibt. Dies setzt jedoch nicht die Bedeutung des Klimas bei der Bildung eines idealen Tabakterroirs herab. Wie bei jeder anderen Pflanze spielt auch beim Tabak die Menge des Lichts die Hauptrolle. Logisch wäre daher die Aussage: Je mehr Licht, desto wohler fühlt sich die Pflanze. Aber wie bereits erwähnt, muß das Leben eines guten Tabaks nicht unbedingt einfach sein. Bei klarem Sonnenwetter erhält die Pflanze ohne großen Aufwand die Menge an Licht, die sie braucht. Dies führt unweigerlich zur Verminderung der Tabakblattgröße. Eine »zufriedene« Pflanze wächst in die Höhe und nicht in die Breite. Alles ändert sich, sobald das Licht nicht ausreicht. Auf der Suche nach dem für sie lebenswichtigen Ultraviolett strebt die Pflanze zur Sonne und paßt sich den eigentlich ungewöhnlichen Bedingungen an, wobei sich ihr vertikales Wachstum verlangsamt, während die Blattfläche erheblich wächst. Genau das wollen die Tabakbauern – schließlich werden große und makellose Blätter benötigt, um Cigarren von Hand rollen zu können. Das erklärt auch, warum die Methode des Tabakanbaus im Schatten – ermöglicht durch das Überspannen der Pflanzen mit Tüchern bzw. Planen – in der Region Vuelta Abajo so verbreitet ist. Abgesehen davon ist der Westteil Kubas – im Gegensatz zu den übrigen Regionen der Insel – ohnehin nicht von der Sonne verwöhnt. Statistisch gesehen hat die Region Vuelta Abajo die wenigsten Sonnentage von ganz Kuba. Zurückzuführen ist das auf die Cordillera de los Órganos: Das Gebirge, nördlich der Plantagen gelegen, hält die Wolken auf und läßt sie über diesem Stück Erde verharren.
Die lange Gebirgskette schützt den Tabak auch vor trockenen und kalten Nordwinden, erweist somit den Tabakbauern einen unschätzbaren Dienst, denn Trockenheit und Kälte machen Tabakpflanzen schwach und leblos. Dank der Cordillera de los Órganos wird die Region Vuelta Abajo während der Tabakaufzucht zu einem riesigen Humidor: ausreichend dunkel, feucht und warm. Die ideale Temperatur für die Tabakaufzucht schwankt zwischen 18 und 28 Grad Celsius. Unter diesen Bedingungen wird sich der Tabak normal entwickeln, werden die Tabakblätter nicht unter den sengenden Strahlen der Sonne verbrennen. Die Luftfeuchtigkeit wiederum sollte bei 70 Prozent liegen. Bemerkenswert dabei: Weder übermäßige noch mangelnde Luftfeuchtigkeit ist erwünscht, da dies zur Bildung von Zuckerüberschuß in den Tabakblättern führt und den Proteingehalt senkt, was wiederum einen negativen Einfluß auf die Konzentration der aromatischen Verbindungen hat. Darüber hinaus spült zuviel Wasser buchstäblich all das Gute aus der Pflanze, das sie vorher angesammelt hat. Regen am Ende der Tabakaufzucht kann somit einen Großteil der Ernte schädigen. Deshalb wird Tabak auf Kuba, wie auch in den meisten anderen mittelamerikanischen Ländern, zwischen September und Dezember angebaut, dann also, wenn es dort praktisch keine Niederschläge gibt.

Die Tabaksorte

Im Laufe einiger Jahrhunderte haben viele findige Tabakbauern ihre traditionellen Tabaksorten aus Kuba exportiert und versucht, sie in anderen Ländern anzupflanzen – in der Hoffnung, mit dieser einfachen Methode in den jeweiligen Ländern Cigarren herstellen zu können, die den kubanischen in nichts nachstehen. Aber alle Versuche dieser Art sind mißglückt. Die auf einer ihr fremden Erde ausgesetzte kubanische Tabaksorte war weder in ihrer Qualität noch in ihren organoleptischen Eigenschaften wiederzuerkennen.

Um die enge Wechselbeziehung zwischen den kubanischen Tabaken und der kubanischen Erde und dem dort herrschenden Klima zu verstehen, ist es notwendig, sich mit der Historie zu befassen. Die Pflanze Nicotiana tabacum, aus der heute Cigarren hergestellt werden, entstand in den bolivianischen und peruanischen Anden als Ergebnis einer absolut zufälligen Kreuzung einiger wilder Tabakarten. Jene neue Sorte konnte sich nirgendwo akklimatisieren und wanderte zunächst durch Südamerika, später über die Inseln des Karibischen Beckens, um dann ihre lange Reise schlußendlich auf Kuba zu beenden. Die natürlichen Gegebenheiten und das Klima dieser Insel paßten hervorragend zum Nicotiana tabacum. Bemerkenswert hierbei: Die Verbindung zwischen der Tabaksorte und der Region ist somit auf natürliche Weise ohne jedweden menschlichen Einfluß zustande gekommen.

Heute gibt es viele Abarten des Nicotiana tabacum, die durch natürliche Kreuzung oder durch Selektion entstanden sind. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts untersuchten Wissenschaftler eingehend, warum sich ein und dieselbe Sorte, in verschiedenen Regionen Kubas angebaut, unterschiedlich entwickelte.

Ein direkter Nachfahre des Nicotiana tabacum ist der ›Criollo‹, der sich in der Region Vuelta Abajo sehr wohl fühlt. Er verliert sogar an Qualität, sobald man ihn in die Region Remedios verpflanzt: Der ›Criollo‹ »entwickelt« sich von einem der besten Tabake der Welt zu einem, der lediglich Mittelmaß darstellt. Der Grund: Die Sorte ›Criollo‹ ist auf den Plantagen der Region Vuelta Abajo gezüchtet worden und hat sich daher vom ersten Moment an den Bedingungen genau dieser Region angepaßt. Ist der ›Criollo‹ für die Einlage der Cigarre vorgesehen, so wird die Sorte ›Corojo‹ traditionsgemäß für das Deckblatt verwendet. Da der ›Criollo‹ jedoch hervorragend mit dem Boden und dem Klima der Vuelta Abajo harmoniert, blieb den örtlichen Tabakbauern gar nichts anderes übrig, als aus dieser Pflanze Deckblätter von ausgezeichneter Qualität zu züchten. Die Kombination aus einzigartigem Klima, fruchtbarem Boden und bestimmter Sorte verleiht dem Tabak aus der Region Vuelta Abajo besondere, unverwechselbare Eigenschaften: ein reiches Bouquet mit typischen animalischen und erdigen Tönen, angenehmer süßlicher Geschmack, voller Körper und zurückhaltende Stärke. Die Region Vuelta Abajo ist die einzige Region auf Kuba, in der sowohl Blätter für den Decker als auch für die Einlage hergestellt werden. Der ›Criollo‹ wird auch in der Nachbarregion Semi Vuelta verwendet, in der sich die Tabakbauern auf Einlageblätter spezialisiert haben. Im Gegensatz zur Region Vuelta Abajo wird diese Region im Norden nicht von Bergen geschützt, weshalb starker Wind und übermäßige Sonneneinstrahlung Wachstum und Qualität des Tabaks beeinträchtigen. Dennoch kompensiert der ›Criollo‹ nach besten Kräften die Unzulänglichkeiten der anderen Komponenten des Terroirs: Der Tabak dieser Region hat einen vollen Geschmack, einen guten Körper und sogar die gleiche Stärke wie der Tabak aus der Region Vuelta Abajo. Das einzige, was ihm fehlt, sind die typische Süße und der aromatische Reichtum.

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In der Region Partido wiederum werden aus der Sorte ›Corojo‹ ausschließlich Deckblätter angebaut. Der Tabak harmoniert bestens mit den roten, sandigen Böden dieser Region und liefert helle, feine, elastische Blätter. Gewöhnlich sind sie recht groß und eignen sich daher hervorragend für diesen Zweck.

Die Sorte ›Pelo de Oro‹ wird dagegen in der zentralen kubanischen Region Remedios angebaut. Sowohl Boden als auch Sorte sind sehr einfach und anspruchslos. Egal, in welchem Teil der Region der Tabak angebaut wird: Boden- und Klimabedingungen bleiben gleich. Infolgedessen ist der Tabak aus dieser Region nur von mittelmäßiger Qualität und wird ausschließlich für den Binnenmarkt verwendet. Er ist recht kräftig mit einem prägnanten heftigen Aroma, jedoch nicht sehr reich. Die Böden in Remedios enthalten relativ viel Kalium, weshalb der ›Pelo de Oro‹ meistens ausgezeichnet brennt.
In der Region Partido wiederum werden aus der Sorte ›Corojo‹ ausschließlich Deckblätter angebaut. Der Tabak harmoniert bestens mit den roten, sandigen Böden dieser Region und liefert helle, feine, elastische Blätter. Gewöhnlich sind sie recht groß und eignen sich daher hervorragend für diesen Zweck.

Die Sorte ›Pelo de Oro‹ wird dagegen in der zentralen kubanischen Region Remedios angebaut. Sowohl Boden als auch Sorte sind sehr einfach und anspruchslos. Egal, in welchem Teil der Region der Tabak angebaut wird: Boden- und Klimabedingungen bleiben gleich. Infolgedessen ist der Tabak aus dieser Region nur von mittelmäßiger Qualität und wird ausschließlich für den Binnenmarkt verwendet. Er ist recht kräftig mit einem prägnanten heftigen Aroma, jedoch nicht sehr reich. Die Böden in Remedios enthalten relativ viel Kalium, weshalb der ›Pelo de Oro‹ meistens ausgezeichnet brennt.

Die fünfte und letzte Tabakanbauregion Kubas, Oriente, ist die »einfachste« und »argloseste«. Hier baut man eine Vielzahl unterschiedlicher Sorten an, deren Qualität jedoch zu minderwertig für Cigarren ist. Sie werden daher nur zur Herstellung von Cigaretten verwendet.

Der menschliche Faktor

Kommen wir zum menschlichen Faktor. Seine Bedeutung in bezug auf ein Tabakterroir sollte keinesfalls unterschätzt werden, denn schließlich waren es Menschen, die von alters her die optimalen Methoden für den Tabakanbau und die Tabakverarbeitung zusammengetragen, die Erde gepflegt und neue Sorten gezüchtet haben. Je fruchtbarer jedoch die Erde war, desto komplizierter wurden die Systeme der Tabakbauern zu deren Bearbeitung.

Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der gesamte Tabak auf Kuba im zentralen Teil der Insel angebaut. Damals wußte man noch nicht, daß westlich von Havanna bessere Bedingungen herrschten. Im Jahre 1770, nach einem Aufstand der Tabakbauern, »entdeckte« man die Region Vuelta Abajo. Das kam so: Die progressivsten Plantagenbesitzer forderten die Abschaffung des spanischen Monopols auf die Tabakproduktion, bauten selbst Tabak an und wollten daraus Cigarren herstellen. Der Aufstand wurde jedoch niedergeschlagen, und die spanischen Statthalter enteigneten alle Plantagen der Tabakbauern und verbannten die Aufständischen in den unbesiedelten und noch kaum erschlossenen westlichen Teil der Insel. Unter den Verbannten waren hochgebildete und talentierte Menschen, die sich lebhaft für den Tabakanbau interessierten. Schnell fanden sie heraus, daß das Klima und der Boden ihrer neuen Heimat die Tabakaufzucht weit besser unterstützten, als das in den zentralen Regionen der Insel der Fall gewesen war. Sie machten sich unverzüglich an die Arbeit. So »entdeckten« sie aufgrund einiger zufälliger Umstände die Region Vuelta Abajo. Sie verbanden die Ressourcen des Gebiets mit ihren eigenen Kenntnissen, erhoben die Tabakkultivierung zu einer Kunst und schufen somit die Grundlagen für den modernen kubanischen Tabakanbau.

Nach der Niederschlagung besagter Revolution eroberten ungebildete und beschränkte Jäger nach dem schnellen Geld den zentralen Teil Kubas. Ihr Einfluß auf die Kultur und die landwirtschaftlichen Traditionen dieser Region ist bis heute spürbar. Die meisten Unternehmen in Remedios sind heutzutage staatliche oder von Kollektiven geleitete landwirtschaftliche Betriebe. Sobald hier die Erde nach einigen Erntezeiten von der Tabakmonokultur ausgelaugt ist, lassen die Betreiber ihre Plantagen im Stich und bebauen neue Felder. In der Region Vuelta Abajo jedoch sind alle Tabakbetriebe in Familienbesitz. Von alters her geben die Plantagenbesitzer ihr Wissen von Generation zu Generation weiter, pflegen die teure Erde behutsam und lassen den Böden nach jeder Ernte Zeit, sich zu regenerieren.

Man kann diese Reihe der Vergleiche noch fortsetzen. In Remedios werden Traktoren zum Auflockern der Erde benutzt, während die Vegueros in der Region Vuelta Abajo bis heute auf Stier und Hacke vertrauen, da die Räder der großen Maschinen dem stark verdichteten Boden schaden. Und im Gegensatz zur Region Remedios, wo in großem Umfang Düngemittel und biologische Zusatzstoffe eingesetzt werden, verwenden die Bauern in der Region Vuelta Abajo zum Düngen ausschließlich Pferdemist (und auch den nur in besonderen Situationen).

Noch offensichtlicher wird die Bedeutung des menschlichen Faktors, wendet man sich dem östlichen Teil Kubas zu, der Region Oriente. Ursprünglich lebten dort afrikanische Sklaven, die von morgens bis abends auf den Zuckerrohrplantagen schufteten. Heute gibt es zwar keine Sklaven mehr, doch an den Arbeitsmethoden hat sich nichts bzw. wenig geändert. Bis heute werden in Oriente die Tabakblätter so »geerntet« wie in früherer Zeit das Zuckerrohr: Der Stiel wird – mit einem einzigen Schlag der Machete – an der Wurzel abgetrennt und dann in einzelne Teile geschnitten, während in der Region Vuelta Abajo jedes Blatt einzeln von Hand abgepflückt wird.

Nicht nur die Arbeitsmethoden der Vegueros in den einzelnen Regionen unterscheiden sich, nein, auch die Klassifizierung des Tabaks. In der Region Vuelta Abajo unterscheidet man einhundertdrei Blattypen (einundsiebzig für Blätter, die im Schatten angebaut worden sind, und zweiunddreißig für solche, die in der Sonne gewachsen sind). Sie werden nach Farbe, Größe und Ob­er­flächenbeschaffenheit sowie einigen anderen Merkmalen sortiert. Zur Klassifizierung ›Partido‹ zählen dagegen nur neunundzwanzig Blattypen, während es in Remedios deren zehn und in Oriente gar nur fünf gibt.

Als Gegenleistung für den liebevollen Umgang stellt die Erde der Region Vuelta Abajo den Plantagenbesitzern all ihren Reichtum und ihr gesamtes Potential zur Verfügung. Das Ergebnis ist, so die Meinung nicht weniger Experten, der beste Tabak der Welt.

Alles ist einfach und schwierig zugleich. Wie züchtet man einzigartigen Tabak? Worin besteht das Geheimnis eines Terroirs? Es wurden bereits Hunderte von Büchern über die Besonderheiten der Bodenstruktur in der Region Vuelta Abajo, das Klima, die Tabaksorten und die Methoden der dortigen Tabakbauern geschrieben. Nichtsdestotrotz kann bis heute niemand die Frage beantworten, warum gerade dort und nicht in einem anderen Teil der Welt solch ein hervorragender Tabak wächst.

Die Kubaner selbst bezeichnen dieses Phänomen als das größte Geheimnis des Terroirs – und freuen sich. Bisher ist nämlich niemand hinter dieses Geheimnis gekommen, und so hat auch bis heute keiner den Versuch unternommen, die Bedingungen, die in der Region Vuelta Abajo gegeben sind, in einem anderen Teil der Erdkugel künstlich nachzuahmen.

Materialvorbereitung: Eldar Tusmuchamedow